Über Phrasendrescher – Die Sprache von Medienmenschen

Anmerkung: der folgende Text entstand als Beitrag zu einer Veranstaltung namens Pitch & Poetry, auf der sich die Vereinigung zukünftiger Milliardäre (a.k.a. Berliner Start-Up-Szene) gegenseitig Visitenkarten vorbei brachte. Umrahmt wurde das Ganze von kurzen Präsentationen, sowie mir, der ich die Aufgabe hatte dort einige Texte vorzutragen.

Jannis B. schrieb: „Hi Karsten. Poets und Start-Ups united der disruptive Ansatz, old news sideways zu challengen. Hast du ’nen Timeslot für ein Get-together mit creative Heads aus allen Areas der digital Health und Quantified Self Startup Welt?“

Konfuzius schrieb: „Die ganze Kunst einer Sprache liegt darin, verstanden zu werden.“

Ich schrieb: „Hallo Jannis. Klar, machen wir.“, weil ich hierfür 70 € kriege, ein Betrag, von dem ein freischaffender Dichter bequem mehrere Wochen lang überleben kann.
Wir baden schließlich im Applaus und wohnen in unseren mehrgeschossigen Egos.
Euch ist vielleicht der Ausspruch „Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken“ geläufig. Diese drollige Zeile wird gerne auf Radiergummis gedruckt,
die dann durch den Aufdruck viel zu schade zum Benutzen werden und damit perfekt zu den leeren Tagtraumtagebüchern gescheiterter Grußkartendichterinnen passen,
die vornehmliche Zielgruppe solcher Radiergummis. In Wirklichkeit aber, ist ein guter Autor durchaus imstande, allein durch überzeugendes Beschreiben einer Mahlzeit ein echtes Sättigungsgefühl hervorzurufen.
Man stelle sich ein Restaurant vor, in dem anstatt Kellnern Autoren an die Tische treten,
um den Gästen in schillerndsten Silben die Textur im Munde zergehender Kartoffeln,
die Oberflächenspannung bissfester Fischvariationen zu beschreiben. Man stelle sich ein Restaurant vor, dass seine Kunden allein mit dem Versprechen auf Essen glücklich macht und weiß auf einmal, wie Start ups funktionieren.
Denn zwei Dinge uniten Poets und Start-Ups mal so richtig for real: Freunde, die nicht glauben wollen, dass man davon leben kann und das Zehren von Visionen.

Doch zurück zum Anfang. Ich schrieb also: „Hallo Jannis. Klar, machen wir.“ und las dann die Mail erneut. Und erneut. Und erneut. Dann bat ich meine Frau, mir ihre Interpretation zu unterbreiten, welche im wesentlichen darin bestand, dass Google Translate wohl ein eigenes Bewusstsein erlangt hätte und nun SPAM-Mails an sämtliche Google + Nutzer schickt. An alle fünf. Ich googelte „disruptive Technologies“ und erfuhr so immerhin, dass damit Technologien gemeint waren, welche bestehende Technologien verdrängen,
indem sie den ganzen Markt verändern. Das Gegenteil von „disruptive“ seien demnach „sustainable innovations“, die existierende Produkte und Technologien kontinuierlich zu verbessern suchten. Denken wir hier an Gilette und ihren wahnhaften Zwang, immer noch Platz für eine weitere Klinge am Rasierkopf zu finden.
„Es sind nun schon 27 Klingen und sie alle rotieren beständig um 360°, sowie vor- und rückwärts durch die Zeit. Ein einziger Zug genügt, um auf Monate hinaus sämtlichen Haarwuchs, Mitesser sowie jedes Bedürfnis nach Berührungen zu eliminieren. Doch leider sind unsere Rasierer inzwischen zu schwer, um ohne die Hilfe eigens geschulter Bodybuilder gehoben zu werden.“

Der disruptive Ansatz wäre wohl, anstelle gestrigem Rumgeklinge, den gesamten Kauapperat einfach chirurgisch zu entfernen und durch eine mechanische Prothese zu ersetzen. Diese Prothesen könnte es dann in unterschiedlichen Ausfertigungen zu unterschiedlichen Anlässen geben. Kiefer mit Kieferduft für Opfer von Mundgeruch. Kiefer mit Vibrationsalarm für Frühaufsteher. Kiefer mit Vibrationsalarm für Damenbesuch… Natürlich erscheint ein solches Vorgehen radikal und der Mensch schätzt ja das Unveränderliche. Zündete man mir das rechte Bein an, ich bin mir sicher, ich könnte mich daran gewöhnen. „Ach, das war schon immer so. Stört mich gar nicht mehr.“, würde ich sagen und und den freundlich angebotenen Löschschaum nicht minder freundlich zurückweisen. Da braucht es dann gute Vermittlung.
Da braucht es dann jemanden, der Ideen nicht nur hat, sondern sie mir auch erklären kann. Ein Talent, das nur Wenigen gegeben ist, während die Anderen es durch den Gebrauch von wichtig klingenden Vokabeln und Fantasiebegriffen zu emulieren versuchen.

Liebe Start-Upper, ich selbst habe meine Zeit in diversen Kick-Offs und Breakdowns abgesessen. Ich führte Telkos in denen wir die Prozesse am Point of Sale agil hielten.
Ich schuf Awareness, pitchte, launchte und relaunchte mit Fokus auf mobile first! Ich weiß also, wo der Power den Point hat und es liegt ja nicht an euch. Jede Gruppierung entwickelt über kurz oder lang einen eigenen Slang, um sich gegenüber anderen abzugrenzen.
Als Soldat ging ich zur MAT-Gruppe um die dort Anwesenden in GWDLer und SAZler zu unterteilen, bevor mir der Stuffz zu verstehen gab, die Ackerschnacker seien aus.
Auch wir Poetry Slammer sprechen gern davon, einen Dörsing zu bauen. Wir reden über Opferlämmer und Duschkacker und ahlen uns in den fragenden Blicken der Uneingeweihten. Doch wird ein Fehler ja nicht richtiger, je mehr Leute ihn begehen.

Ihr wollt die Zukunft gestalten, Dinge anders machen und das finde ich schön.
Doch lauft Ihr Gefahr euch auf dem Weg in ein besseres Morgen im Irrgarten eurer Sprache zu verlaufen. Die Menschen, um die es euch geht, sind keine Developer, sind nicht die drei Marketiere. Es sind Menschen wie ich, die vielleicht googeln müssen was zum Teutates ein quantifiziertes Selbst ist und die trotzdem den Unterschied zwischen einer guten Idee und den Worten kennen, aus denen sie besteht. Ihr sprecht nur dann zu den Menschen, wenn sie euch auch hören. Oder wie Ihr es sagen würdet:
„Die responsiveness der Target-Audience zeigt das Messege-Penetration-Level.“

Advertisements
Über Phrasendrescher – Die Sprache von Medienmenschen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s