Über Brandenburg und seinen Sand

Hallo, ich bin Karsten und ich bin Ossi. Da es eh zur Sprache kommen wird, sage ich es einfach gleich. Wir hatten ja nüscht. Wir hatten keine Jeans, keine Fertigsauce, keine Bananen und vor allem keine Ahnung. Wir hatten auch keine Autos, nur Origamifahrzeuge aus Faltpappe, die sich allein deshalb bewegten, weil es eh nur abwärts ging.

Wir hatten kein ordentliches Fernsehen. Meine liebste Kindersendung war damals „Mauer-Rangers“, eine Serie über die heldenhaften Abenteuer dreier Wachsoldaten in Wernigerode, die Folge für Folge den real existierenden Sozialismus vor Republikflucht und der Realität beschützten. Jede Episode funktionierte nach dem selben Schema.
Erst schlichen sich einige Imperialisten, gebeugt, wie es ihrer niederen Moral entsprach, durch das hohe Gras heran, um die Rangers dann ein wenig mit Rolling Stones Platten und Lügen zu bewerfen, während diese ihre Gegner mit dem Glanz ihrer frischgewichsten Stiefel blendeten.

Das dauerte immer so 22 Minuten, bis es den Rangers langweilig wurde, sie die Macht des antiimperialistischen Schutzwalls beschworen und sich zu einem 70 Meter großen Honecker fusionierten. Das war es dann meist, denn was sollte da noch kommen?
War schließlich auch die Botschaft, die uns Kindern vermittelt werden sollte. Riesen-Honecker, dann Schluss. Nebenbei bemerkt glauben noch heute viele Menschen, dass es im Osten nur Schwarz-Weiß-Fernsehen gegeben hätte, doch das ist ein Missverständnis. Es verhält sich lediglich so, dass es für Städte wie Guben oder Schwarze Pumpe kaum einen Unterschied macht, ob man sie nun in Farbe oder Schwarzweiß betrachtet.

Ich bin Karsten und ich bin Ossi. Aber ich bin nicht nur Ossi, ich bin Brandenburger, also so eine Art Blinder im Lande der Einäugigen. Brandenburger sein, das ist wie, beim HSV auf der Ersatzbank zu sitzen. Das ist wie, in dem Teil einer einsturzgefährdeten Ruine zu leben, der noch brennt. Als Brandenburger hast du nicht nüscht, sondern die Gewissheit, dass dich selbst die Sachsen für einen Banjo spielenden Hinterwäldler halten.

Wir hatten nüscht, wobei, eine Sache hatten wir doch. Sand. Leere Fläche, bedeckt mit Sand. Schon in der Hymne Brandenburgs heißt es:
„Märkische Heide, märkischer Sand, sind des Märkers Freude, sind sein Heimatland“. Das Loblied meiner Heimat handelt von Dreck und niedrigem Gebüsch. Wir hätten ebenso gut „Katzeklo“ von Helge Schneider singen können. Da wäre dann zumindest die Katze froh gewesen. Gottverdammter Sand. Und noch eine Sache hat Brandenburg im Übermaß. Ruhe. Weil keiner mehr da wohnt, den man hören könnte. Die Jungen ziehen weg und die Alten, na sagen wir einfach, kompostieren ist eher was für die Nase als für die Ohren.

Die durchschnittliche Entfernung zwischen zwei Brandenburgern beträgt zu jedem gegebenen Zeitpunkt 27 km. Überhaupt ist alles 27 km von einander entfernt. Ein klassischer Brandenburger Scherz besteht darin, an eine beliebige Haustür zu klopfen und sich dann über die Laute Musik zu beschweren. Anschließend muss man jemanden finden, der einen wieder nach hause fährt, aber der Gesichtsausdruck ist es wert. Und wir haben leere Kohlegruben! 27 km von meinem Dorf entfernt existiert ein stillgelegter Tagebau, eines der größten Löcher Europas, getoppt nur von jenem Loch, in das die Braunkohlesubventionen der EU gekippt werden. An den Rändern stehen Aussichtsplattformen, von denen aus Väter an Wochenenden gemeinsam mit ihren Kindern in das kilometerbreite, gramgefurchte und matschebraune Nüscht starren.

„Sie nur, Sohn oder Tochter…“, sagen die Väter dann, von denen nicht erwartet wird, dass sie sich mit den Geschlecht ihrer Kinder näher auseinander setzen. „Sie nur, Sohn oder Tochter, wir haben ja nüscht, aber es ist verdammt noch mal das größte Nüscht, dass ich je gesehen habe!“
„Stimmt, Vati. Und so viel geiler Sand!“, antworten die Kinder woraufhin der Vater sie mit einer Spreewaldgurke belohnt, die er hochwirft, damit die Kleinen sie im Fluge aus der Luft schnappen können.

Natürlich kam der Tag, an dem auch ich das Weite suchte. Ich zog für’s Studium nach Wiesbaden und staunte nicht schlecht, als es unter meinen Füßen nicht mehr länger knirschte. Nur zwei meiner Kommilitonen kamen ebenfalls aus dem Osten.
Und ebenso natürlich quartierte uns die Stadtverwaltung gemeinsam im Studenten-wohnheim ein, wohl aus Angst, unsere perversen Praktiken könnten die unbescholtenen Hessen ossifizieren. Wir aber fanden das bescheuert. Wir sehnten uns doch nach kulturellem Austausch! Wozu in die Ferne ziehen, wenn man dort nur den selben Nasen wie daheim begegnet? Das ist ja, als mache man ein Erasmus-Semester und hängt dann nur mit anderen Erasmus-Studenten ab. Jedenfalls veranstalteten wir eine waschechte Ossi-Party und luden alle dazu ein. Denise und Jeanette schmissen sich in die alten FDJ-Blusen ihrer Mütter. Ich selbst trug einen schwarzen Jogginganzug, eine Skimaske sowie einen Hammer und Sichel in je einer meiner Hände. Als Denise mich fragte, was ich denn darstellen wollte, sagte ich nur: „Ich bin der Kommuninja!“

Unsere Westdeutschen Freunde kamen allesamt als Rotkäppchen und brachten Sekt mit. Nur Andreas kam als Karton Spee. Als ich ihm die Tür öffnete lernte, ich mehr über das Zusammenwachsen zweier Länder, als ich es auf hundert Einheitsfeiern je getan hatte. Und ich lernte viel über Heimat und darüber, dass man mehr als nur eine Heimat haben kann. Dass Heimat manchmal gar kein Ort ist und, dass man sie mitnehmen oder sogar neu erschaffen kann, wenn man die alte mal verloren hat. Ich bilde mir gern ein, mein Bild von mir und Anderen nicht von Himmelsrichtungen abhängig zu machen. Trotzdem trage ich immer einen kleinen Beutel Sand bei mir. Nur ganz wenig. Fast nüscht.

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