Über Suhl (Empathieloses Pack, Teil 2)

Bürgerkrieg

Am Abend des 19. August 2015 kam es in der Flüchtlings-Erstaufnahmestelle in Suhl zu Ausschreitungen. Nach Angaben der Polizei attackierte eine Gruppe von Flüchtlingen einen Mitbewohner, nachdem ein Streit um Glaubensfragen eskaliert war.
Anscheinend wurden Seiten aus einem Koran herausgerissen, Ursprung einer Gewaltspirale, die letztlich zu zerstörtem Inventar, eingeschlagenen Fenstern, einem Polizeieinsatz und 15 Verletzten führte. An dieser Stelle könnte die Geschichte zu ende sein und man müsste befinden: So weit, so traurig genug.

Doch hier hört es nicht auf. Tags darauf überschlagen sich die „Widerstandskämpfer“, die besorgten Bürger und die vaterlandsstolzen Gesellen förmlich im Internet, führen einen Veitstanz um die wenigen Bilder der zerbrochenen Windschutzscheiben eines Einsatzwagens herum auf, gerade so, als wären diese Bilder der unumstößliche Beweis für die boshafte Natur des Islam.

Dabei übersehen sie, absichtlich oder aus völkischer Bequemlichkeit heraus, die Ursprünge dieses Gewaltausbruchs. In Suhl wurden 1800 Menschen in Räumlichkeiten untergebracht, die nur für 1200 Menschen Platz bieten.
1800 Menschen, teils unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens
und ja, teils auch traumatisiert von ihren Erlebnissen.
Man stelle sich vor, die Behörden hätten anstatt Flüchtlingen Fußballfans in Suhl untergebracht. Anhänger von Leverkusen, Schalke, Bremen und dem HSV, die untereinander hätten regeln sollen, wer heute auf dem Gang schlafen muss.
Wie lange wohl bis zur ersten roten Karte?

Und nur um das klar zu stellen, diejenigen Heimbewohner, welche die Vorfälle verschuldet, die Eigentum zerstört oder sogar Menschen verletzt haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Allerdings nach den Maßstäben des Rechtsstaates
und nicht nach dem Willen digitaler Lynchmobs, die sich gerade freudig in Klischees, Beleidigungen und Aufrufen zur Gewalt ergehen.
Die Ereignisse in Suhl haben nichts mit Religion oder einer vermeintlich „primitiveren“ Kultur zu tun. Doch genau das behaupten die rechten Agitatoren nun gegenüber jedem, der es gerne glauben will. Wenn überhaupt, dann beweisen solche Vorfälle, dass wir in Deutschland immer noch nicht die Dimension dessen begriffen haben, was in den nächsten Monaten und Jahren auf uns zukommen wird. Wir pferchen Flüchtlinge in zu kleinen Unterkünften ein als wären sie Legehennen, wir lassen sie tagelang vor Ämtern auf irgendwelche Papiere warten, wir schieben die Verantwortung im Kreis herum und wundern uns dann, wenn es knallt.

Doch welche Schlussfolgerung ziehen wir nun? Die Einen entscheiden sich für Furcht. Für die Angst vor Überfremdung. Sie flüchten sich in Überlegenheits- und Vorrangsphantasien. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es nie gewesen ist. Sie richten sich ein in den Schützengräben ihres Verstandes und ergehen sich in Bürgerkriegsspinnereien. Die Anderen entscheiden sich, etwas zu tun, aufzustehen und zu helfen.

Quellen: Spiegel Online, MDR 

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Über Suhl (Empathieloses Pack, Teil 2)

7 Gedanken zu “Über Suhl (Empathieloses Pack, Teil 2)

  1. Aber die Initialzündung für die Ereignisse in Suhl, war doch das Herausreißen einiger Seiten aus dem Koran. Das wird der betreffende Flüchtling doch sicher nicht aus Langeweile getan haben, oder? Also kann man doch von einem religiösen Hintergrund ausgehen, oder nicht?

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    1. Hallo Martin,
      ich sehe da eher einen religiösen Vordergrund. Natürlich war ich nicht dabei und kann es nicht mit Gewissheit sagen, ich denke aber, unter den gegebenen Umständen hätten alle möglichen Gründe zu einer Schlägerei führen können. Wer welchen Schlafplatz hat, wer zu laut Musik hört, Neid über dieses und jenes… Der Mensch braucht in Stresssituationen Ventile, um sich Luft zu machen. Ich denke, hier wollte jemand Stunk machen und dass das nun über das Herausreißen von Koranseiten gelaufen ist, erscheint mir da fast nebensächlich.

      Und selbst wenn es wirklich ein Paar überzeugte Fanatiker und nichts anderes gewesen sein sollte, dann hätte es da eben unter 1800 Menschen auch einige Idioten gegeben. Diese völlig banale Erkenntnis wird nun aber von bestimmten Menschen dahingehend verwendet, um alle Flüchtlinge gleichermaßen als gesellschaftliche Gefahr darzustellen. Und nur darum ging es mir.

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  2. Jonas schreibt:

    Ach so, jetzt rechtfertigt eine Koranschändung schon die versuchte Lynchung eines Menschen? Wie linksverblendet muss man eigentlich sein? Die Gewalt wurde auch nach außen getragen, Polizeiautos und Autos von Anwohnern zerstört, Anwohner, die damit überhaupt nichts zu tun hatten, wurden durch die Straßen gehetzt. Es macht mich wirklich sprachlos, wie jeder kriminelle Akt von Asylbewern gleich entschuldigt wird. Wenn sie eine Frau vergewaltigen, dann sind es halt die kulturellen Unterschiede und die Hormone (warum trägt sie auch bei 35Grad ne kurze Hose), bei Ladendiebstahl muss man Verständnis für die Traumatisierung aufbringen usw. Ich finde, du übersiehst hier einen wichtigen Punkt. Es geht gar nicht darum, alle Asylanten über einen Kamm zu scheren, aber es sollte ein DEUTLICHES Signal gesendet werden, dass diejenigen, die hier kriminell werden, auch mit der Härte des Gesetzes zu rechnen haben. Wo liegt das Problem, die Urheber dieser Randale (also die fünfzig oder hundert Leute) zur Rechenschaft zu ziehen?
    Nach dem 2. Weltkrieg kamen auch Millionen Flüchtlinge, die wohnten auch auf engstem Raum und haben nicht randaliert. Bei der Bundeswehr teilten sich auch Soldaten 9 Monate zu sechst ein Zimmer, kam auch keine Randale auf. Warum!!! Warum muss man jede krimininelle Tat von Asylbewerbern verharmlosen, entschuldigen oder schönreden?

    Bei mir im Ort wurde eine Siebzehnjährige von zwei jungen Syrern auf einem Feldweg grundlos niedergeschlagen, sie haben kein Wort zu ihr gesagt, sondern einfach zugeschlagen, Passanten konnten eine Vergewaltigung verhindern. Die beiden Typen wurden verhaftet UND kamen dann in ein anderes Wohnheim! Mehr passierte nicht. Welche Entschuldigung hast du für die? Ich bin gespannt!

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    1. Hallo Jonas, wenn du den Text noch mal liest, wirst du die Stelle entdecken, in der ich ausdrücklich sage, dass die Verursacher der Ereignisse entsprechend Recht und Gesetz zur Verantwortung gezogen werden müssen.

      Das Argument, dass der massive Zuzug Vertriebener nach dem zweiten Weltkrieg nicht auch Spannungen verursacht hätte, zweifle ich an. Zum Einen ist die Ausgangslage nun doch eine andere und zum Anderen kam es auch damals zu Konflikten.Lies z.B. mal hier: http://www.bpb.de/themen/CNSEUC,0,0,Zwangswanderungen_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg.html

      Zuletzt möchte ich dich noch darauf hinweisen, dass du mir zwar versicherst, nicht alle Asylanten über einen Kamm schweren zu wollen, zugleich aber beispielhaft vom Verhalten zweier Syrer auf das große Ganze verweist. Zu dieser Geschichte hätte ich gerne eine Quelle, dann kann ich dir auch sagen, was ich davon halte.

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    2. Tja vielleicht rechtfertigen wir gerne das Verhalten einzelner Asylsuchender weil immer so ein Bösmensch (Ich versuche mich auch mal in Dualität) antanzt und die Tat einzelner der Gesamten Gruppe vorwirft. Ich glaube kaum das sich viele finden die Verbrechen unbestraft sehen wollen, aber es langt wenn die Täter bestraft werden nicht die Bevölkerungsgruppe aus der sie stammen oder fändest du es geil jedesmal wenn ein Deutscher Sch*** baut dafür haftbar gemacht zu werden? (Davon mal ganz abgesehen, sobald sie sich in unsere Land aufhalten unterliegen sie der Rechtssprechung und die Exekutive tut ihren Job auch ohne das man sie darauf hinweisen muss.) Solche Vorfälle wie der des Beitragsthemas werden von Asylgegnern sehr gerne aufgegriffen und als Rechtfertigung benutzt um Asylsuchende generell abzulehnen. Die Ursachen warum es zu diesen Tumulten kommt, warum die überhaupt erst hier sind und um Asyl suchen müssen werden dabei zumeist vollkommen ignoriert und das geht nun mal nicht da wir eine große Mitschuld an der ganzen Misere tragen, mag sie im Umgang mit den Flüchtlingen, unserem Konsum Verhalten oder der Duldung bzw. Beteiligung eines Ressourcen verschwenderischen, ausbeuterischen Wirtschafts- und Finanzsystems liegen. Die Flüchtlinge die es zu uns schaffen sind nur die Spitze des Eisberges, die meisten sind wirklich arme Schweine die wer weiß was miterlebt haben. Vor ner Woche habe ich ein Video gesehen das an einem Kriegsschauplatz aufgenommen wurde. Ich konnte es nicht zu Ende ansehen weil es mich so erschüttert hat, Gesichter des Todes sind Pillepalle dagegen. Oder die Unruhen in Mazedonien wo Polizisten unter Gewalteinsatz vergeblich versuchen den Flüchtlingen den Weg abzusperren. Im Vordergrund weinende Kinder mit leichten Verletzungen…. aber ja gegen Frauen und Kinder haben die „Bösmenschen“ ja angeblich auch gar nichts wobei ich immer noch nicht gerafft habe wo der Unterschied liegt, denn in meinen Augen hat kein Mensch, egal wie jung, alt, welches Geschlechts welcher Hautfarbe etc. verdient soetwas miterleben zu müssen, bzw. dabei sein Leben zu verlieren. Wie verzweifelt müssen Menschen sein wenn sie Ihrer Heimat den Rücken kehren um unter Lebensgefahr in ein fremdes Land auszuwandern wo man sie nicht haben will? Selbst wenn viele nicht direkt von einem Kriegsschauplatz fliehen sondern nur vor der Angst in Armut leben zu müssen. Weiß man hier überhaupt noch was wirkliche Armut ist? Wie es sich anfühlt nicht genug zu Essen zu bekommen, Durst zu haben oder egal bei welchem Wetter unter freien Himmel schlafen zu müssen? Wenn mir hier sowas drohen würde wär ich auch ziemlich schnell weg. Wie kann man sich an der Stelle nur so egoistisch, empathielos und ja auch dumm geben, das will mir einfach nicht in den Kopf.

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  3. Jonas schreibt:

    Tja, zu den Vorkommnissen bei mir im Ort kann ich dir leider keinen link schicken, denn die Presse hat diesen nicht in der Zeitung erwähnt.
    Und was sagst du dazu? Alles nur Einzelfälle, ich weiß.

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    1. Dass du meine Nachfrage nicht beantworten kannst und mir stattdessen diesen Link gibst, stärkt deine Argumentation nicht gerade.

      Auch zu diesem Video hätte ich gerne etwas mehr Hintergrundinformationen. Wer hat es wann gedreht? Welchen Beweis, außer dem Titel des Videos gibt es, dass hier Asylanten aus Afrika zu sehen sind? Es könnten doch auch Franzosen sein?

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