Über Biesdorf


Warnung. Am Ende dieses Textes wird, sehr abrupt und zusammenhangslos ein Meteor einschlagen und alle töten. Sie wurden gewarnt. 

Ich lebe seit über 5 Jahren in Berlin. Klar, Berlin ist eine große Stadt aber 5 Jahre eben auch eine lange Zeit. Ich war mir daher recht sicher, das Wesentliche schon mitbekommen zu haben. Ich wartete an der Weltzeituhr, verlief mich in den Häuserschluchten Lichtenbergs, planschte im Columbiabad und kassierte ein Knöllchen auf der Karl Marx Straße. Been there, done that, doch nun das. Biesdorf. Biesdorf liegt im Tarifbereich B, sieht aber aus wie Tarifbereich F.
Zumindest das, was man beim Verlassen des Busses von Biesdorf überhaupt so sehen kann. Nämlich wenig, hübsch gerahmt von Leere und Freiflächen. Ich hatte solcherlei verschwenderischen Umgang mit Platz mitten in Berlin für ausgestorben gehalten.
Wie kann es in der Stadt, die immer wird, aber nie sein darf, Ecken geben, die nicht vor Spekulanten überquellen, die nicht, Architekten und Statiker im Gefolge, ihre Claims abstecken, wie einst Goldgräber am Yukon?
Na, zumindest ein fettes Einkaufszentrum hat man hinbekommen. Das Biesdorf-Center. Das Zentrum von Biesdorf also, was mich zu folgender Fragestellung inspiriert:
Braucht die Leere einen Mittelpunkt? Gibt es dem Pinguin halt, wenn er inmitten weißen Rauschens die aufragende Stange betrachtet, welche da den Südpol markiert? Nach Biesdorf zu fahren, ist ein bisschen wie eines morgens beim Duschen ein neues Loch im eigenen Körper zu entdecken. War es schon immer da? Wofür ist es gut? Muss da was hinein oder hinaus?

„Was will man hier?“, frage ich Wikipedia und Wikipedia antwortet: „Biesdorf ist Deutschlands größtes zusammenhängendes Gebiet mit Ein- und Zweifamilienhäusern.“
Tatsächlich, in der Ferne erspähe ich eine lange Reihe Gebäude mit spitz zulaufenden, geschindelten Dächern und roten Kaminabzügen darauf. Dahinter liegt eine weitere, identische Reihe und noch eine und noch eine und dazwischen erklingt das sonore Brummen von Rasenmähern. Von oben betrachtet sieht Biesdorf aus wie Monopoly gegen ein Arschloch. Ihr wisst schon, der Typ Monopolyspieler, der immerzu sämtliche Hotels auf eine Straße baut, bis man irgendwann Pech hat und seinen ganzen Zaster auf einmal los wird.
Was ist das überhaupt für ein unrealistisches Szenario? „Holladiho, Herr Hotelier! Bitte geben sie mir 23 Suiten, ich hätte gerne je eine Suite pro Stockwerk ihres Hauses. Nein ich habe nicht vor, von einem Zimmer zum nächsten zu wandern. Das wäre ja schrecklich albern. Ich möchte viel lieber auf den Wägelchen ihrer Putzkräfte mitgenommen werden.“ Monopoly ergibt viel mehr Sinn, wenn man es nicht als Brettspiel, sondern als zynischen Kommentar auf die Auswüchse des Turbokapitalismus begreift.

„Was willst du hier?“, fragt Biesdorf und ich antworte: „Einen Reisepass beantragen.“, denn das Bürgeramt Biesdorf war im gesamten Einzugsgebiet das einzige, dass noch einen freien Termin vor den Herbstferien anzubieten hatte. Vor den Herbstferien 2016. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, es wäre der, dass derjenige, dem diese Scheiße mit den Terminen eingefallen ist, fortan immer so gucken muss, wie ein biometrisches Passbild. Ein leerer, verständnisloser Blick soll sein Gesicht zieren, auf dass Fremde ihn für Dumm halten und Freunde darauf Wetten abschließen, wann ihm der Speichel aus den Mundwinkeln fließt. Und dann soll ihm der Reisepass gestohlen werden! Wieder und wieder und immer wieder! Nennt mich grausam, aber ich könnte in meinen dunkelsten Träumen nicht grausamer sein, als ein Tag im Wartezimmer des Bürgeramtes, weil ich den Verlust wichtiger Dokumente nicht termingerecht eingeplant habe!

„Was wollen Sie hier?“, fragt mich die Sachbearbeiterin. Also nicht mit Worten. Worte scheinen ihre Sache nicht. Doch die verschränkten Hände und die in der Mitte ihrer Stirn nicht minder verschränkten Augenbrauen sprechen eine deutliche Sprache.
„Guten Tag.“, sage ich. Die Sachbearbeiterin lässt ihre Fingerknöchel knacken.
„Ähm… ich wollte den Verlust meines Reisepasses melden.“, sage ich. „Äh… Termin?“, frage ich.
Wie gegen einen großen inneren Widerstand, dreht sie sich auf ihrem Drehstuhl in Richtung Computerbildschirm. Es klackern die Tasten durch den staubigen Raum.
„Wo haben Sie den Pass verloren?“, fragt Sie und es sind die ersten Worte, die sie hörbar an mich richtet. Was für eine merkwürdige Frage. Wenn ich wüsste, wo ich ihn verloren habe, dann hätte ich ihn ja nicht verloren, sondern nur irgendwo aufbewahrt. Das denke ich und dann denke ich, dass ich das wohl für mich behalten sollte, weil ich nicht glaube, dass die Sachbearbeiterin semantische Spitzfindigkeiten eben so sehr schätzt wie ich.
„Was für eine merkwürdige Frage.“, sage ich, weil denken und handeln nicht immer dasselbe sind.
Sie atmet tief ein und der Sog ihres Atems reißt zwei Blätter aus dem Abreißkalender an der Bürowand. Ein passendes Sinnbild verschwendeter Zeit.
Der Rest der Prozedur verläuft ohne Zwischenfälle. Ich lüge und sie glaubt mir nicht, trägt die von mir genannten Daten und Orte aber trotzdem ein, weil es das System so verlangt. Und dann schlägt ein Meteor ein und vernichtet Biesdorf!

Advertisements
Über Biesdorf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s