Über Romantik – Zur Gefühlslage der Nation

„Die Romantik ist tot!“, ruft Heiko von der Tür aus durch den Raum und hängt seinen Mantel am Kleiderhaken neben den Spielautomaten auf. Ich bin geneigt ihm zuzustimmen, denn das Weser-Eck ist ein Ort eingesperrten Fühlens. Gelächelt wird draußen und geweint wird nur ins Glas. Hier ist nichts romantisch, es sei denn man zählt auch jene Art proletarischer Heldensagen mit, zu denen Schnauzbärte und groß inszeniertes Scheitern gehören. Mach ich aber nicht. Im Weser-Eck wird man einfach nur duselig, und das ganz ohne Gefühl.

„Die Romantik ist tot.“, sagt Heiko noch einmal und nimmt auf dem Hocker neben mir Platz.
„Warum?“, frage ich.
„Sie hatte einen schlimmen Unfall.“, antwortet Heiko, gibt dem Wirt ein Zeichen
und beginnt zu erzählen.

Silvana heißt die junge Dame, die so jung nun auch gar nicht mehr ist, aber immer noch jünger als Dame. Eine Schaustellerin, die Heiko traf, als er einen Sonntag lang zwischen den hastig errichteten Zelten und Buden Zeit verspielen wollte. Treffen ist hierbei wörtlich zu verstehen, denn Silvana war für die Schießbude verantwortlich und Heiko sofort verliebt. Nichts ist der Zielgenauigkeit eines Mannes abträglicher als die Liebe.
Ein Umstand, der sich in den Badezimmern zahlloser Paare beobachten lässt. Er traf also anstelle einer Holzente sie und Silvana war wütend, bis er ihr, den Hintern in die Luft reckend, Revanche anbot, was sie dankend annahm. Heiko und Silvana begannen ihre Beziehung also mit einem Knall und auf Augenhöhe. Es gibt schlimmere Kennenlerngeschichten. Sie umwarben einander mit Zuckerwatte und Losen. Er nannte Sie seine kleine Kirmeskokette und sie ihn Heiko, weil in einer Beziehung mit vier Füßen zumindest einer den Boden berühren sollte. Sie küssten sich zum ersten mal auf dem höchsten Punkt des Riesenrades und erlebten den ersten Höhepunkt 180° weiter unten, sehr zum Leidwesen von Totenschädel-Mirko, dem Riesenradbremser mit den Tattoos, der sich seit Jahren an Silvana die Zähne ausbiss.

So ging das nun schon anderthalb Wochen. Die Erweiterung von Heikos persönlicher Nahrungspyramide um die Kategorie „Karamell“ fand längst schon Wiederklang auf seinen Hüften, als in ihm eine Idee zu reifen begann. Bevor seine Geliebte die Stadt verließ, und ihm war klar, dass es hier nur um eine Frage des „wann“ und nicht des „ob“ ging, wollte er ihr einen würdigen Abschied bereiten. Sie aufzuhalten, kam ihm dabei gar nicht in den Sinn, denn eingesperrte Falken sind nur noch Papageien mit Scheißlaune.
Er rief sie an, lud sie zu sich ein, streute Blütenblätter vom Flur bis zum Bett mit einem Umweg über den Kühlschrank, lieh sich Strumpfhosen und ein mittelalterliches Wams mit Puff-Ärmeln, duschte und schrieb Silvana unter der Brause ein Gedicht, dass er ihr auf Knien vorzubringen gedachte.

„Wie ging das Gedicht?“, frage ich. Heiko schweigt.
„Ach, komm. Zier dich nicht so!“, bitte ich ihn und nach kurzem Zögern rezitiert er.

Silvana, du bist ne ganz Tolle
Silvana, sei meine Olle
Und ich bin dein Macker
Auch wenn du dich jetzt machst vom Acker
Tu ich dir lieben
Komm wir machen Anti-Arbeitsamt
Anstatt Nummer ziehen, eine schieben

„Und, wie fand sie’s?“
„Gar nicht. Ist nicht gekommen. Hat mir ’ne SMS geschickt. Irgendwas mit Totenschädel-Mirko und Backenbart-Mandy und zweite Chance. Hab’s nicht zuende gelesen.“
Er nimmt einen Schluck vom Bier, dass man ihm inzwischen hingestellt hat.
„Ich habe ja schon immer gesagt…“, setzt er an. „… Dass das mit der Romantik bloß Quatsch ist. Hast du gewusst, dass sich der Begriff Romantik etymologisch auf das schreiben von Texten in romanischen Sprachen anstatt auf Latein zurückführen lässt?“, fragt er. Ich wusste es noch nicht, allerdings wusste ich, dass Heiko, wenn er wütend ist, gern in Bibliotheken geht. Es gibt schlimmere Angewohnheiten.
„Denn romanische Sprachen waren die Sprachen des Volks! Das war, was verstanden wurde! Man könnte auch sagen, Romantik ist nur was für die ungebildete Masse. Kein wahrhaft kluger Mensch kann jemals Romantiker sein! Und dann immer diese Sprache. Da geht’s immer gleich ins Extrem. Will einer romantisch sein, fabuliert er sofort was von mächtigen Gipfeln, dem Glanz der Sterne oder majestätisch wogenden Wellen an irgendwelchen Gestaden. Ich frage dich, hast du jemals einen geistig gesunden Menschen das Wort „Gestade“ gebrauchen hören? Hä? Natürlich nicht. Aber drunter macht es der Romantiker ja nicht. So eine buckelige Wiese oder ein Bolzplatz reicht da nicht als Kulisse. Elitäres Pack! Warum nicht mal Liebeslyrik aus dem Straßenverkehr? Ich sage dir, wenn du etwas über die Gefühlslage eines Menschen wissen willst, fahr mit ihm Samstag Nachmittag über die Karl-Marx-Straße!“

Heiko schlägt mit dem Boden seines, inzwischen nur noch halb vollen Glases, auf den Tresen, hebt die rechte Hand und intoniert:

Silvana, ick will dir nich verletzen
Aber lass mal Blinker setzen
Unsere Liebe ist die Autobahn
Und ich nehme die nächste Ausfahrt.
Fahr ma rechts ran

„Heiko“, sage ich.
„Ja?“, sagt er.
„Solange es dich gibt, ist die Romantik noch nicht tot. Sie riecht nur so.“

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