Über die Natur der Angst

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In der Nacht des 13. November 2015 starben in Paris 128 Menschen bei Terroranschlägen, viele weitere kämpfen derzeit noch in den Krankenhäusern der Metropole um ihr Leben. In diesem Satz steckt keine Poesie. Er ist kalt und präzise, so wie die Hände derjenigen, welche die Angriffe planten und durchführten. Ich sehe die Bilder, obwohl ich eigentlich nur hatte sehen wollen, wie alt Mario Gomez inzwischen wohl geworden ist, und bekomme Angst. Angst um die Betroffenen, um die Geiselleben, Angst um die eins, zwei Freunde, die ich in Paris habe. Angst vor den Kommentaren der Politiker, der Polemiker und Polizeigewerkschaftspräsidenten am Morgen danach.
Aber vor allem, wenn ich ehrlich bin, bekomme ich Angst um meine eigene Sicherheit.
„Es gruselt mich, in welcher Zeit wir leben.“, sagt jemand neben mir.
Und dann: „Die Einschläge kommen näher.“
Ich schäme mich kurz, weil mir die Toten in Paris näher gehen als die Toten in Bagdad und Beirut, während sich die Menschen in den genannten Orten an dem seltsamen Gefühl erfreuen, auch einmal einen Anschlag im Fernsehen verfolgen zu dürfen, der ihnen egal ist. Sie wissen, was wir noch nicht begreifen, dass die Angst ein Karussell ist und jeder, der noch nicht hat, soll dürfen, gerne auch mal eine Runde rückwärts, bis er den Grund für seine Furcht aus den Augen verloren hat und das Entsetzen Selbstzweck wird.

Ich atme aus. Lang und langsam. Die Terroristen feiern ihren Sieg. Sie feiern dabei nicht die Zahl ihrer Opfer und auch nicht ihre Märtyrer, denn, und darin liegt der größte Schrecken, beide sind nur Mittel zum Zweck. Sie feiern, weil es ihnen gelungen ist, mir Angst zu machen. In der Biologie gilt die Angst als etwas Nützliches. Sie verhindert, dass wir in absoluter Dunkelheit am Rande eines Abgrunds tanzen. Sie lässt uns innehalten, kurz bevor wir den Löwen mit Leckerli füttern. Sie warnt und schützt uns, indem sie uns all die Dinge bildhaft vor Augen führt, die wir nicht eintreten lassen wollen. Toll! Aber ich wünsche mir eine Welt, in der das von der Vernunft erledigt wird.
Angst ist Instinkt, sie ist Blutmusik, ein einsamer Cellist, der im Herzkammerorchester ganz hinten sitzen muss, weil ihm alle Seiten gerissen sind, bis auf zwei. Verteidigung, Flucht. Verteidigung, Flucht. Verteidigung, Flucht…

Wir wollen mehr als Tiere sein. Wir rühmen uns unserer Selbsterkenntnis, unserer Fähigkeit, die Welt nach eigenem Gutdünken neu zu gestalten. Wir nennen uns, ganz unironisch, Krone der Schöpfung. Doch auch die güldenste, edelsteinbesetzteste und polierteste aller Kronen sieht matt aus, wenn man sie schief auf dem Kopf herum trägt.

Auf dem Weg zur Erfüllung unserer eigenen Ansprüche gehen wir über Leichen. Wir halten das für die direkte Route, übersehen dabei aber die Nordwand des Mount Fürchteviel, die sich steil vor uns bis in den wolkenverhangenen Himmel erhebt. Es gäbe einen anderen Weg, um den Berg herum, länger vielleicht, dafür landschaftlich reizvoll und mit hübschen Bänken zum ausruhen. Doch diesen Weg, den gehen wir nicht, denn die Angst ist ein schiefer Ton und ein Berg und ein Bleigewicht um unsere Schultern und ein Knurren in der Kehle und ein letzter Augenblick und ein Stromausfall und eine offene Tür und ein schlechter Ratgeber.
Die Angst sagt: „Willst du das wirklich machen?“
Sie sagt: „Küss das Mädchen nicht, am Ende hat sie den Knutschfleck und du die Klage am Hals!“
Sie sagt: „Nur wer eine Waffe besitzt, kann seine Waffe auch niemals abfeuern.“
Die Angst sagt: „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber angesichts dieser Ereignisse…“

Am 13. November 2015, gegen 21:20 Uhr sprengen
sich in unmittelbarer Nähe des Stade de Frances zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Kurz darauf eröffnet ein Terrorist in einem kambodschanischen Restaurant das Feuer, während ein anderer im Club Bataclan 100 Geiseln nimmt.
Gestern Nacht um 1:04 Uhr brennt ein Flüchtlingsheim in Calais.
Um 1:53 Uhr gelingt es mir endlich, den Fernseher auszuschalten.

Nur wenig später entschließt sich der der Welt-Journalist Matthias Mattusek, einen Tweet mit dem Wortlaut: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen..“ abzusetzen und diesen dann auch noch mit einem Grinsegesichtchen zu verzieren. Ein Smiley. Ein gottverdammtes Smiley. Ein verkniffenes, gelbsüchtiges, selbstsüchtiges Zähnefletschen.
Das ist das Antlitz des Terrorismus.
Das ist das Gesicht der Angst.

Verfolgt die Sondersendungen, wenn es euch hilft.
Ruft eure Freunde an, wenn es euch hilft.
Betet, wenn es euch hilft.
Ändert euer Profilbild, wenn es euch hilft und dann geht zu einem Konzert, einer Weinprobe oder einem Poetry Slam und hört, wie euch ein Ahnungsloser die Welt erklärt. Lacht, klatscht und dann lacht noch mehr, aber an den falschen Stellen.
Trinkt, umarmt einander. Leuchtet für die Stadt der Lichter, bis die Nacht Tag geworden ist oder wenigstens besser als die letzte. Mut ist nicht das Gegenteil von Angst. Mut ist ein Steigeisen am Fuße eines Berges. Mut ist ein Schlüssel und ein Lichtschalter und ein Arschtritt und eine scheppernde Rüstung und ein Zweifel.
Mut ist, die größte Furcht der Terroristen.

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