Über die Beteiligung Deutschlands am Syrienkonflikt, oder „Niemand zieht in den Krieg (bumm)“

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Wenn es um die deutsche Wehrfähigkeit geht, denke ich oft an meinen eigenen Wehrdienst, genauer gesagt an jenen Tag, an dem ich mir nur deshalb nicht in den eigenen Fuß schoss, weil ich vergessen hatte, das Gewehr zu laden. Ich denke noch öfter daran, seitdem Deutschland entschieden hat, sich am Syrienkonflikt zu beteiligen. Der Syrienkonflikt oder in anderen Worten, die Auseinandersetzung zwischen den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Russland, Regierungstruppen, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Saudi-Arabien, Bahrain, Jordanien, der Nusra-Front, der Türkei, der Hisbollah, des Irans, der Freien Syrischen Armee, der Peschmerga, des IS, sowie der Amateurmannschaft des SV Werder Bremen, der Blechbläser des dritten Polizeiorchesters Wesel-Nord und einiger übrig gebliebener Okotberfestler, die sich sehr freuen, wenn’s rummst!

Syrien, eine derart unübersichtliche Gemengelange, dass die kämpfenden Parteien nur anhand umfangreicher Tabellen, dreier Almanache und der jeweiligen Mondphase bestimmen können, wer heute Freund und wer Feind ist. Da wollen wir hin? Naja, „wollen“ verfehlt hier wohl den Kern der Sache, so wie ein Projektil, geschossen aus dem Lauf eines G 36 Sturmgewehrs. Niemand will und nirgendwo merkt man das so deutlich wie am Sprachgebrauch der Verantwortlichen.
Niemand will Krieg. Darum nennen wir ihn anders. Christiane Wirtz, stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, stellt hierzu klar, dass Deutschland natürlich nicht in den Krieg zieht, da ein Krieg im völkerrechtlichen Sinne, Obacht, die Auseinandersetzung zweier Staaten sei. Die Bundesregierung äußere aber Verständnis, wenn man für den vorliegenden Konflikt den Begriff „Krieg“ umgangssprachlich verwendet. Ich stelle hierzu klar, dass die Medizin den Begriff der „Idiotie“ als eine schwere Intelligenzminderung, soll heißen einen Intelligenzquotienten unter 20, definiert, ich aber verstehe, wenn man den Begriff hierfür umgangssprachlich verwendet.

Niemand zieht in den Krieg (bumm), wir versprechen aber Unterstützung durch Tankflugzeuge, Aufklärung durch Jets und Satelliten sowie eine Fregatte. Eine Fregatte. Das ist wie ein Bier. Drei zu wenig. Zunächst hatte ich daher angenommen, dass mit Fregatte Ursula von der Leyen gemeint sei, die sich persönlich vor Ort ein Bild machen wolle. Doch dann las ich, dass es wirklich nur um ein einzelnes Schiff geht. Ich bin mir sicher, dass von der Leyen, immerhin eine Frau mit Macht und Hosen, den IS eher beunruhigt hätte. Und ich bin mir eben so sicher, dass überzeugtes Engagement anders aussieht.
Seien wir ehrlich, wir schicken keine Truppen, weil wir es für richtig halten. Wir schicken Truppen, weil wir Frankreich unsere Solidarität zugesichert haben und jetzt nicht mehr wissen, wie wir aus der Nummer rauskommen sollen. Frankreich ist wie der gute Kumpel, der seit 6 Monaten („Nur für ein Paar Tage.“) auf unserer Couch pennt, weil seine Freundin ihn abgesägt hat. Da sagt man nun mal nicht nein. Man ändert heimlich das W-LAN-Passwort, aber man sagt nicht nein.
Wir können uns also nicht raushalten und weil wir das nicht können, halten wir uns wenigstens am Rand auf, machen uns klein, vielleicht bemerkt uns ja keiner. Wir distanzieren uns und beteiligen uns eben vom Meer her oder besser noch, aus der Luft. Wir spielen doch nur Krieg und es spielt sich eben leichter, wenn man vor einem Bildschirm statt in der Scheiße sitzt.

Niemand zieht in den Krieg (bumm). Allerhöchstens schieben wir. Zum Beispiel Baschar al Assad, den alten Fassbomber am eigenen Volke, der sich im Lichte der Ereignisse ganz schnell vom Diktator zur strategischen Alternative mörsert. Niemand zieht in den Krieg (bumm). Nur dahin, wo Moral Verhandlungssache ist. Dahin, wo richtig am wenigsten falsch bedeutet.
Niemand zieht in den Krieg (bumm). Denn zu einem Ordentlichen Krieg gehört eine Stragetie, ein Plan, wenigstens ein Ziel, dass man erreichen will. Haben wir aber alles nicht. Wir haben blinden Aktionismus. Wir sind Matthias Sammer, der auf die Frage hin, wie Dynamo Dresden denn das nächste Spiel anzugehen gedächte, antwortete: „Also … ich sachma … wir müssen mehr Tore als die anderen schießen.“ Man wirft uns Kriegsgegnern seit jeher vor, naiv zu sein. Aber es sind nicht wir, die glauben, man könne den Frieden herbeibomben. Wer das glaubt, heilt auch Krebs mit Abrissbirnen. Wer glaubt, wir könnten den Terrorismus bekämpfen, ohne uns die Hände schmutzig zu machen, glaubt auch Schnuffi lebt seit 17 Jahren glücklich auf einer Farm am Stadtrand. Wer hofft, dass durch Luftangriffe auch nur ein Flüchtling weniger bei uns ankommt … hat leider Recht. Denn von oben betrachtet sehen alle Menschen wie Ziele aus.

Die Wahrheit ist, dass ich auch nicht weiß, was wir tun sollen. Haben wir angesichts des Islamischen Staats, eines Monsters, dass uns im Körper ebenso bedroht, wie in unseren Überzeugungen, nicht das Recht uns zu wehren? Müssen wir nicht sogar für unsere Werte streiten? Werte allerdings, zu denen immer auch die Gewissheit gehörte, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen darf. Ich weiß es wirklich nicht, doch ich weiß, dass ein Angriff durch uns ist immer auch ein Angriff auf das ist, was wir doch eigentlich sein wollen. Aber das ist ja alles nur graue Theorie, denn es zieht ja niemand in den Krieg (bumm).

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