Über die AfD, Teil 2 / Scham und Schaum

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Ich setze einen Fuß vor die Tür und dann ziehe ich ihn wieder zurück. Ich ziehe mich zurück. Ich halte mir die Hände vor die Augen und gehe dann in die Hocke, so dass meine Knie sich dicht über meinen Ohren befinden. Ich mache den Fernseher an und gleich wieder aus. Ich gehe an den Computer, lese meinen Twitter-Feed für dreieinhalb Zeilen und spiele dann doch lieber eine Runde Headshotmassacre, weil ich mich beruhigen muss.

Sieht man heuer hinaus in die Welt, erscheint es einem, als hätten schlechte Drehbuchautoren heimlich die Macht an sich gerissen. Da droht ein durchgeknallter Milliardär, der sich hervorragend als Schurke im nächsten Muppets-Film eignen würde, Präsident des mächtigsten Landes der Welt zu werden. Da ist immer noch die Finanzkrise, die wir inzwischen wie eine angeborene Fußfehlstellung zu akzeptieren scheinen. Da bringen uns Flüchtlinge eine Welt nah, die wir doch lieber hinter unseren Mattscheiben gelassen hätten und da stellen deutsche Politiker ernsthaft die Möglichkeit in den Raum, dass man doch auch auf diese Leute schießen könnte.

Ich stelle mir dieser Tage gern vor, dass Bernd Lucke irgendwo sitzt und sich schämt. Vielleicht weint er am Fuße einer Linde. Vielleicht blickt er traurig vom Küchentisch aus in den Hof, da wo die Kinder spielen. Vielleicht aber sitzt er auch, irgendwo bei Sizilien, in der Kombüse eines klapprigen Seelenverkäufers, umgeben von zwielichtigen Gestalten, die einander bei Grog und Zwieback erzählen, wie es sie auf die weite, weite See verschlagen hat.

„Bevor sie mich erwischt haben, war ich Chirurg und habe immer ein bisschen Niere für später beiseite geschafft.“, sagt Tiger Eye Surley, der früher mal Doktor Schmidt gewesen war.
„Ich habe meine Braut am Altar stehen lassen. Weil ich ihren Rollstuhl vergessen hatte.“, sagt Hank Sharknado Sharksen, der einstmals Jonathan Weilbach hieß.
„Ich habe die AfD gegründet.“, sagt Bernd Lucke.
„Wozzefaaaak?!“, sagen alle anderen.
„Und da traust du dich noch unter Menschen?!“, sagt Holzbein Ericson, der früher mal Holzbein Vodafone hieß.
„Ich fühle mich schon dreckig, nur weil du neben mir sitzt!“, sagt Mangold Mc Moody, der, dank dem eigenwilligen Sinn für Humor seiner Eltern, schon immer so genannt wurde.
„Über Bord mit ihm! Über Bord mit ihm!“, ertönt es um den schmuddeligen Klapptisch herum, während von draußen Wellen an die Bordwand schlagen.
„Moment! Moment!“, fleht Bernd Lucke. „Welcher Unmensch lässt den unschuldige Leute einfach so im Mittelmeer ersaufen?“

Ok, so ganz sachlich ist das jetzt nicht. Es scheint lang, lang her zu sein, doch ursprünglich war die AfD mal angetreten, um den Euro abzuschaffen. Bernd Lucke hat mit Flüchtlingen in etwa so viel am Hut wie jemand, der keinen Hut trägt. Die sind für ihn und Seinesgleichen nur relevant, weil sie die Zahlen verändern, aus denen sie sich ihre heile Welt errechnen. Die AfD, war also mal eine Partei der Wirtschaftswissenschaftler, dann eine Protestpartei, in der sich ehemalige FDP-Wähler, entäuschte Linke und entstaubte Rechte darauf einigen konnten, dass alles Scheiße ist. Und jetzt ist sie die Partei, die Beatrix von Storch frei herumlaufen lässt. Folgt man dieser exponentiell ansteigenden Kurve des Unsinns, gelangt man unweigerlich an einen Punkt, an dem das Parlament durch die Prunksitzung des Kölner Karnevals ersetzt wird. Den Vorsitz führt dann das Prinzessinenpaar Petry und Storch, das jede Sitzung mit der Frage „Wolle mer se reinlasse?“, beginnt. Die Antwort lautet immer nein. Irgendwann fällt den beiden dann auf, dass sie hier eine Art Homo-Ehe leben, woraufhin sie sich selbst für Verfassungswidrig erklären und einander ein letztes mal zärtlich in den Arm nehmen.

 Der Fairnes halber sei gesagt, das Beatrix von Storch nicht die erste Politikerin war, die für die Möglichkeit des Schusswaffengebrauchs an der europäischen Grenze plädiert hat. Diese Ehre gebührt, soweit ich weiß, dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, einem Grünen, dem diese glorreiche Idee schon ein paar Wochen früher kam. Aber mal ehrlich, das bisschen Korrektheit ist doch nicht halb so interessant wie die wagemutigen Kunststücke unserer Alternatiefflieger.
Denn irgendwo mag ich sie ja, die AfD. Also jetzt nicht auf menschlicher Ebene. Oder sonst irgendeiner Ebene. Auch nicht auf einer Linie oder einem ungleichmäßig geformten Oktaeder. Aber, immerhin, sie sind unterhaltsam. Und solange die ihren Job als Dorftrottel der Nation ordentlich machen, muss ich weniger über meine eigene Unzulänglichkeit nachdenken.

Es ist verführerisch, diesen Leuten alles Übel im Lande anzuhängen. Doch macht man es sich damit genau so leicht, wie es sich die Alternatriefnasen machen, wenn sie die große Uhr suchen, um die Zeiger auf bessere Zeiten zurückzudrehen. Nur besser wird davon nichts. Die Frustrierten bleiben frustriert, die Enttäuschten enttäuscht und die Ängstlichen werden auch nicht mutiger. Am Ende ist egal, ob Bernd Lucke sich schämt. Es ist egal, für was oder wen wir uns schämen. Am Ende wird nur zählen, worauf wir stolz sind. Darauf, dass wir die Idioten im Raum gefunden haben? Oder darauf, dass wir rausgegangen sind und die Tür von außen abgeschlossen haben?

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