Über Kindernamen

Hello-My-Name-Is-StickerDie Geralissimi des Wirtschaftsliberalismus behaupten seit jeher, dass wir unsere Krume Glück nur in den Furchen unserer eigenen Hände Arbeit fänden. Dass wir nur ordentlich klotzen müssten und dann würde es schon werden und wenn es nicht geworden ist, dann nur weil wir nicht ordentlich genug geklotzt hätten. In etwa so wie Ronny, der 1990 mit mir in den Kinderladen „zum tapsigen Tapir“ ging und bis heute der einzige mir bekannte Mensch ist, dem es jemals gelang, beim Legospielen zu scheitern.

LEGO-Spielen! Eine Tätigkeit, deren ganzer Sinn darin besteht, machen zu können, was man will. Dinosaurier auf Raumschiff? Check! Roboter auf Roboter auf Laserlurch? Check! Frau in Führungsposition? Nein, so ein Unfug! Aber sonst geht so ziemlich alles! Nur eben nicht für Ronny und seine Motorik, die so grob war, dass sich andere Motoriken von ihr belästigt fühlten. Donald Trump würde sagen, er hätte eben nicht hart genug rangeklotzt. „Klotzen bis zum Kotzen“, würde der Donald wohl sagen und Ronny würde weinen, weil, wie wir alle genau wissen, es liegt nicht an ihm. Es liegt an seinen Elten! Genauer gesagt an deren Konto- und Bildungsstand. Akademiker nennen ihr Kind nicht Ronny.

Man stelle sie sich vor, die Professor-Professor-Doktor Isengard Bachgerade von und zu Heißluft, wie sie ihrem Manne, dem Diplom-Diplom-Master of the Universe Waldemars von und zu Heißluft zwischen zwei Geistesblitzen zuruft:
„Verehrter Gatte, in neun Monaten werde ich einen Nachkommen geboren haben!“, worauf hin der Gatte antwortet: „Schöner Futur 2, meine Liebe!“
Und dann, über den Rand seiner glimmenden Pfeife hinweg: „Wie wollen wir ihn denn nennen, unseren kleinen Ausweg aus einer lieblosen Ehe? Das Kinde bedarf doch einer Bezeichnung, mit der die Dienstbotenschaft es im Weinkeller rufen kann. Wie wäre es mit … Jonanathan?“ 
„Oder Heinz-Plus?“ , greift Isengard den Gedanken auf.
Oder General Bergfrühling, nach meinem Patenonkel?“ ergänzt ihr Mann, bevor beide in stummem Sinnieren versinken, Gedanken sich wälzen lassen, wie Vollmondnächte die Schlaflosen. Wattiertes Denken wabert im Raum, nur um sich plötzlich in Fingerspitzen zu manifestieren, als die Eheleute von und zu Heißluft synchron mit den Fingern schnippen, um gemeinsam den perfekten Namen für ihr zu proklamieren: „RONNY!“

Namen sind wie Tätowierungen am Morgen danach. Kannste dich nicht dran erinnern, dir das ausgesucht zu haben. Haste trotzdem am Hals. Oder in der Leistengegend. Wobei, den meta-ironischen Hipsterdelphin, der deine Schamhaare geschickt zur lebensechten Darstellung eines Rauschebartes nutzt, kannst du wenigstens weglasern. Namen kannst du nicht lasern. Die kannst du nur lesen. In Texten zum Beispiel, in denen du plötzlich die Witzfigur bist, nur weil du Ronny heißt. Das ist ein ganz normaler Vorname! Und überhaupt, du weißt doch gar nicht, wie das ist!
Oh doch!
Ich weiß wovon ich rede. Ich bat nicht darum, Karsten Lampe heißen zu dürfen. Ein skandinavischer Vorname und ein Gegenstand. Ich hätte also auch Björn Fußbank oder Ole Lüsterklemme heißen können, aber es wurde Karsten Lampe. Als Kind litt ich zwischen den ganzen Steffis und Alexanders, zwischen den Schulzens und Müllers, unter meiner Andersartigkeit. Vor allem im Alter von 5 Jahren, als wir das Konzept von Spottreimen begriffen und ich meine Mutter irgendwann fragen musste, was eigentlich eine Schlampe sei. Damals lernte ich, dass mein Name Einfluss darauf hat, wie andere Menschen über mich denken. Sprache formt unser Denken und die Namen der Dinge definieren, was wir über diese Dinge denken können. Hießen Rosen Sumpfschisserlis, wer würde sie noch als Liebesbeweis verschenken wollen? Wären Flugzeuge Sinkeumel, gäbe es die Lufthansa? Wären Döner Babyschafsfetzen im Brot, wer würde sie noch essen wollen? Ich nicht. Denn ich hasse Brot. Ich hasse Brot so sehr, dass ich es Ronny nenne!

Meinen eigenen Kindern werde ich diesen unfairen Quatsch daher ersparen. Im Alter von 15 Jahren, nachdem ich sie im Nadelwald ausgesetzt habe, von wo sie nur zurückkehren dürfen, wenn sie mir nach drei Tagen einen Wolfspelz, den Kiefer eines Bären oder einen wirklich hübschen Stein mitbringen, sollen sich meine Kinder selbst einen Namen geben. Einen Namen, der dann wirklich ihrer sein wird. Einen Namen, der ihnen entsprechen, der ihnen, ja, gerecht werden wird und für den sie mich dann nicht verantwortlich machen können. Da es bis dahin wohl trotzdem unumgänglich sein wird, bisweilen die Rede an meine Sprösslinge zu richten, brauche ich so lange natürlich einen Notbehelf.
Über die Details grübele ich noch nach, aber derzeit glaube ich, dass ich beim Anmelden des Kindes, einfach das Gesicht des Standesbeamten sacht in dessen Tastatur reiben werde, und was immer dann auf dem Bildschirm erscheint, wird es schon tun.

Kommt Grtzlsmpf87, kommt Wurgelskräg und schwerer Ausnahmefehler, das Essen ist fertig. Lasst mich euch nicht noch einmal rufen!

 

Advertisements
Über Kindernamen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s