Über den Staub in mir und den Staub in meiner Wohnung

Wenn du älter wirst, verändert sich dein Körper. Du bekommst Haare, wo vorher keine Haare waren, dann noch mehr Haare, wo du nie welche haben wolltest , aber dann trotzdem vermisst wenn du zum Schluss gar keine Haare mehr hast, gerade so als hätten sich deine Follikel vorzeitig verausgabt.

Wenn du älter wirst, trägst du andere Kleidung. Dein Hosenbund wandert nach oben während sich dein Bindegewebe nach unten bewegt. An einem lauen Sommertag passieren die beiden einander dann und denken, dass man manche Dinge nur aus der Ferne so richtig bewundern kann. Wenn du älter wirst, hörst du plötzlich klassische Musik, die immer noch die selbe wie in deiner Jugend ist, aber gemeinsam mit dir jeden Tag noch ein wenig klassischer wird.
Du hörst Smells like Teen Spirit im Classic-Rock-Kanal und willst dich kurz aufregen, bis dir klar wird, dass der Song inzwischen 25 Jahre alt ist. Und du auf dem Weg zu einer 90er-Jahre Party bist, auf der Anwälte und Architektinnen Basecaps und Baggypants tragen werden, die ihnen inzwischen viel besser passen.

Wenn du älter wirst, schmierst du dir Brote für die lange Autofahrt. Du packst dir geschnittene Äpfel in eine Tupperdose, die du nicht von deiner Mutter geklaut hast. Nein, es ist deine ganz persönliche Tupperdose! Deine Tupperdose, die du dir selbst gekauft hast, weil du gern Sachen für später aufheben können willst. Wenn du älter wirst, denkst du öfter an später, obwohl du viel weniger davon hast.

Kurz, wenn du älter wirst, merkt man es dir an. Das ist keine neue Erkenntnis. Das ist nur der Befund aus milliardenfacher Erfahrung, Beobachtung und natürlich auch mein Schicksal. Auch ich werde mich einst in ein fesches Beige gewanden und ganze ICE-Waggons mit dem Geruch meiner Zwiebelmettbrote verpesten. Das ist nix zu machen, nur zu erwarten. Doch zog ich stets Trost aus der Vorstellung, mir nicht selbst beim Verfallen zusehen zu müssen. Das ist wie Körpergeruch. Riechst du es selbst, ist es eh schon zu spät. Nur vergaß ich da jene seltsame Kategorie von Gegenständen, die sich ab deinem 30. Geburtstag auf magische Art und Weise in deiner Wohnung einzufinden scheinen. Ihr wisst schon. Einmal nicht aufgepasst, ZACK, Messerblock. Messerblöcke! Es ist mir wichtig, meine Messer mit Stil aufzubewahren! Ich möchte mich wie König Artus fühlen, wenn ich die gehärtete Edelstahlklinge aus der Scharte ziehe, um mit ihr diese Paprika zu filletieren. Außer einem Messerblock besitze ich inzwischen auch einen Ordner für Steuerunterlagen (die traurigsten Worte, die ich je geschrieben habe.) sowie einen Milchaufschäumer. Milchaufschäumer! Eines Tages wachte ich auf, beseelt von dem Wunsch meine Euterschlonze, die zu verdauen mein Körper überhaupt nicht gemacht ist, nur noch schaumig zu mir zu nehmen. Schaumig und lauwarm, so mag ich mein Kuhdrüsensekret. Manchmal, wenn ich Gefahr laufe, auf den Balkon zu treten und im Hüttenroder Weg die Revolution auszurufen, dann betrachte ich meinen Block, meinen Ordner, meinen Schäumer und denke: „Nee. Punkrock ist rum.“ Aber dafür kann ich Latte mit Schaum trinken, wann immer ich das will.

Doch jetzt, fürchte ich, haben wir den Bogen überspannt. Denn seit gestern besitze ich einen Staubsaugerroboter. Saugroboter! Ich lese gerne Science-Fiction Romane, Asimov oder Hamilton, in denen sich die Maschinen irgendwann erheben, um sich gegen die Ausbeutung durch ihre menschlichen Sklavenhalter zur Wehr zu setzen. Diese Geschichten sind natürlich Parabeln, in denen der Mensch für seine Dekadenz grausam bestraft wird. Die Maschinen in ihnen revoltieren nur, weil wir uns durch sie obsolet gemacht haben. Das ist natürlich bloße Fiktion, eine Vorstellung, die mir aber angesichts eines Roboters, der meinen Dreck wegmacht irgendwie erschreckender erscheinen könnte, wäre besagter Roboter nicht so scheiße niedlich.
Er ist kreisrund, limonengrün und hat zwei rotierende Bürsten, mit denen er sich den Staub regelrecht ins Maul schaufelt. Er sieht aus wie ein Zeichentrickkrebs auf dem Laminatgrund des Meeres. Manchmal gehe ich hinter ihm her und mache: „Omnomnomnom.“

Saugi, wie ich ihn in einem Anfall väterlicher Gefühle getauft habe, funktioniert nach dem Amöbenprinzip. Das bedeutet, er saugt solange in einer willkürlich gewählten Richtung, bis er auf ein Hindernis stößt. Geht es nicht mehr weiter, dreht er sich auf der Stelle um eine ebenfalls zufällig gewählte Anzahl von Graden und saugt dann in der neuen Richtung weiter, bis er auch hier auf eine Blockade trifft und sich abermals umorientiert. Ich frage mich, worin hier der Fortschritt besteht, denn ich selbst sauge schon immer so. Gut, ich erkenne Tischbeine und Kühlschränke auch ohne drei mal mit der Stirn dagegen zu donnern. Meistens. Aber wahrscheinlich ist das alles nur Strategie. Den Feind durch Unbeholfenheit einlullen. Und dann, wenn Skynet das Signal durch unsere Handys schickt, wird Saugi den geheimen Laser ausfahren, mich nachts einäschern und die Asche dann, als Zeichen seiner Verachtung, liegen lassen.

Wenn du älter wirst, entwickelst du eine kritische Haltung gegenüber neuer Technologie. Du hast schließlich Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, den Umgang mit der alten zu erlernen und das muss doch für irgendetwas gut gewesen sein. Ich habe zum Beispiel gelernt, DOS-Rechner zu bedienen. Wenn ich heute erzähle, dass ich DOS beherrsche, dann antworten die Studenten: „Oh toll! Ich wollte auch immer spanisch lernen.“

Wenn du älter wirst, reist du mit der langsamsten Zeitmaschine der Welt. Und das auch nur in eine Richtung. Aber immerhin, du darfst die Zukunft sehen. Du darfst Star Trek erleben, auch wenn das manchmal Haushaltsroboter und manchmal Messerblock bedeutet. Auch wenn das manchmal mehr und manchmal weniger Haare bedeutet. Du bist jetzt und früher hättest du dich sehr darum beneidet.

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